Biblische Hintergründe
Adams Versagen und Evas Anteil
Die Rolle der Frau in der sog. westlich-christlichen Welt ist wesentlich durch die Auslegungen zur Paradiesgeschichte der Bibel geprägt.
Schon in den frühen Anfängen des Christentums bekam die Rolle der Frau in Bezug auf den Mann gänzlich neue, theologisch geprägte Züge, die nicht nur als frauenfeindlich, sondern in erster Linie als menschenfeindlich zu bezeichnen sind.
Schlimmste Entgleisungen wie die eines Augustinus, der Frauen als Satansgehilfen bezeichnet hat, oder gar solche Aussagen wie von Thomas von Aquin, der die Frau nur für einen „voll Mängeln behafteten Mann“ bezeichnete und die Frau als „zweite der Schöpfung und erste in der Sünde“ deklassierte, sind nur einige kleine Beispiele für den frauenfeindlichen Irrsinn männlicher – christlicher Theologie.
Das Judentum hat schon immer die Rolle der Frau in der Paradiesgeschichte anders bewertet und gänzlich andere theologische Schlussfolgerungen gezogen.
Die Paradiesgeschichte ist geradezu beispielhaft für unser allzu menschliches Anliegen, eigene Schuld zu verschieben und auf andere zu projizieren.
Schauen wir uns die Paradiesgeschichte an, so bildet das Geschehen um den Schlangerich und den Baum der Erkenntnis mit seiner Erkenntnisfrucht einen wesentlichen Mittelpunkt.
Hier sei dazu angemerkt, dass in der Hebräischen Bibel ausdrücklich vom Schlangerich gesprochen wird als männlich, „menschlich“ erscheinende Person und nicht als Tier, das schlauer als alle Tiere ist, die Gott je geschaffen hat. Ein wirklich tragischer Übersetzungsirrtum, der schon Millionen von Schlangen über Jahrhunderte das Leben gekostet hat.
Doch um was geht es eigentlich bei dieser Geschichte? Was wollen uns die Erzähler der Geschichte vermitteln?
Sicherlich versuchen sie uns nachfolgenden Generationen den Grund für den Verlust des Paradieses zu schildern, der durch die Übertretung des göttlichen Gebotes und des falsch getätigten Gebrauchs der von Gott gegebenen Freiheit, seine Ursachen findet.
Doch um mit P. Lapide (jüdischer Theologe) zu sprechen: „Das Ärgste bei dem Geschäft ist jedoch die Rolle Adams, wo man, als Mann und Adamsohn, nur vor Scham erröten kann.“
Alles Unheil findet seinen Anfang im Nichtstun Adams. Seine Teilnahmslosigkeit und sein Wegschauen oder Nichtstun werden zum Fallstrick für die gesamte Menschheit werden.
Der Anfang dieser tragischen Geschichte beginnt bei der Weisung Gottes, zu dem Gebrauch des Paradieses und dem ausdrücklichen Gebot (nicht verbot!):
Von allen Bäumen des Gartens magst du essen, aber vom Baum der Erkenntnis, vom Baum Gut und Böse, von diesem solltest du nicht essen, denn am Tag, da du von ihm isst, musst du sterben, sterben!
Noch bevor Eva erschaffen wurde, erhielt Adam dieses Freiheitsgebot. Adam ist somit Träger dieses göttlichen Gebotes und zugleich Bewahrer dieser Weisung. Denn das Wort des Herrn ging an ihn und nicht an Eva, die es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab.
Adams Versagen und Evas Anteil (Teil 2)
Wenden wir uns nun dem Hauptteil dieser Geschichte zu.
Eva nun erschaffen, ist an diesem Baum der Erkenntnis mit Adam und führt eine theologische Debatte mit dem Schlangerich über den Baum der Erkenntnis. Der Schlangerich ist bemüht, Eva die Bedeutung dieses Baumes zu erklären, und Eva ist abwägend in der Beurteilung, denn sie weiß um dieses Gebot von Adam, doch menschliche Neugier siegt in diesem Fall – leider mal wieder.
Doch der Schlüsselsatz zu dieser Geschichte am Baum ist scheinbar ganz lakonisch und doch wesentlich: „Sie gab Adam auch diese Frucht, die bei ihr war und er aß.“ Hier findet sich die eigentliche Tragik der Handlung wieder. Eva spricht mit dem Schlangerich und Adam ist bei ihr, doch er – Adam – spricht nicht, er widerspricht nicht. Er, der das Gebot von Gott höchst persönlich empfing: Er schweigt. Doch schlimmer noch: Ohne Widerspruch, ohne Einspruch, ohne Gedanken an Gottes Gebot nimmt er Anteil an dieser Frucht und beißt ebenso von ihr ab –ja, der Hebräische Text besagt, er isst sie – das heißt, er isst sie gänzlich auf.
Hier erscheint Adam nicht nur als passiver, nicht widerstrebender Mitläufer, sondern er ist aktiv durch seine Inaktivität beteiligt. Er, der das Gebot als erster empfing, er, der zum Hüter des Paradieses wurde und zugleich der Namensgeber, wird zum schweigenden Mittäter und aktiven Esser.
Doch allein dieser Sachverhalt macht diese ganze Situation nicht schlimm genug, denn Adam wird zugleich auch zum ersten Ankläger Gottes und Verleugner und Schuldverschieber.
In der darauf folgenden Szene dieses furchtbaren Dramas verliert Adam nun gänzlich seinen Anstand. Gott fragt: „Hast du von dem Baum, von dem ich dir Gebot, du solltest nicht davon essen, gegessen?“ Da sprach Adam: Das Gegenstück zu mir, das du mir gegeben hast, die Frau, gab mir von dieser Frucht und ich aß diese. Da sprach Gott: Adam, was hast du getan?
Hier zeigt sich die wahre Größe des Mannes Adam, der nicht nur Eva die Schuld zuweist, sondern auch gleich noch Gott. Es besagt nichts weniger, als wäre sie nicht da, wäre es zu dieser Situation auch nicht gekommen. Doch Gott spricht nicht zu Eva, sondern er spricht zu Adam: „Adam, was hast du getan?“ Gott weist alle Vorwürfe, Ausflüchte und Schuldverschiebung zurück und weist Adam dem Träger dieses Gebotes die Verantwortung zu.
Erst Eva hat den Mut, vor Gott ganz klar zu bekennen: „Da sprach Eva: Der Schlangerich verlockte mich und ich aß.“ Eva bekennt ihre Schuld ganz klar und nennt die Ursache ihrer Schuld. Sie hörte auf die Verlockungen.
Adams Versagen und Evas Anteil (Teil 3)
Das erste Südenbekenntnis der Bibel erscheint im Zusammenhang mit Eva. Das erste Verleugnungsbekenntnis der Bibel erscheint bei Adam. Er erschafft sich gleich zwei Sündenböcke, Eva und Gott, um sich als Opfer darzustellen.
Hier kommen wir nun zu der eigentlichen jüdischen Sichtweise der Dinge.
Nicht nur, dass Adam sein Gegenüber ohne Sinn und Verstand ins Verderben beißen lässt: Er verdoppelt seinen Anteil darin, dass er mitisst, und er verdreifacht seine Schuld, indem er seinen Anteil und sein Gegenüber verleugnet.
In der ganzen Geschichte begegnen uns auch zugleich die menschlichen Eigenschaften unter allen Eigenschaften. Das nicht Verantwortung übernehmen wollen.
Dies geschieht auf vielen Ebenen. Da wäre die Nichtverantwortung für sein Gegenüber, für das weder Nächstenliebe gezeigt noch Verantwortung getragen wird. Also die unbedachte „Egaleinstellung“, die auch ein Adam am Baum der Erkenntnis zeigte.
Das unbedachte Mitmachen beim Treiben auf dieser Welt, anstatt ganz klar Position zu den Geboten Gottes einzunehmen. Hier die Mahnung zu Gottes Gebot und das Mitessen Adams an der Frucht.
Und die Schuldverschiebung und Sündenbockmacherei und die Ablegung der Eigenverantwortung für sein Handeln. Wohl das Schlimmste aller Übel!
An Adam lehrt uns Gott: Mensch, was hast du getan, Mensch, was tust du!
An Adam zeigt uns Gott, dass wir Menschen, Adam sind, und er zeigt uns auch, wie tief wir in diesem Adam verstrickt sind.
In diesem Sinn sei Eva nicht mehr zur Schuldnerin der Sünde gemacht, sondern Adam zur Besserung seiner Verschuldungen aufgefordert, indem er Eva den Platz einräumt, den sie verdient – würdig und als gleichberechtigtes Nebeneinander und Zueinander im menschlichen Dasein! Beide sind Menschen und völlig gleichwertig in ihrem Dasein als Mensch.